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„Ich bin 12 Jahre meines Lebens zur Schule gegangen und habe währenddessen nicht wenig unter unserer Form des Bildungssystems gelitten. Mein Abitur habe ich trotzdem sehr gut bestanden und war hiernach also frei, zu entscheiden, was ich und wohin ich mit meinem Leben möchte. Von allen Wegen, die mir offen standen, habe ich mich ausgerechnet dafür entschieden, gleich erneut eine Institution zu besuchen, die sich das Projekt der Wissensvermittlung vornimmt: eine Universität.
In der Schule musste ich wissen, was zu wissen vorgesehen war; der Lehrplan bot keine Spielräume für individuelle Ansprüche an Wissen und Bildung. Aber ich hatte Lust, tiefer zu graben, mehr zu erfahren, weitere Zusammenhänge zu erkennen, Ideen großer Denker* nachzuvollziehen und vor allem eigene Ideen und Meinungen herauszubilden. Dies ist also
der Grund, warum ich mich für das sofortige Studieren entschied. Nun, nach nicht vielen Wochen Studium, bin ich gänzlich enttäuscht; im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur, dass ich es seit jeher absolut unerklärlich finde, woher die Hybris unserer klassischen Bildungseinrichtungen, das heißt Schule und Universität, stammt, sie allein seien der Weg zu Wissen, nein, mehr noch: Sie allein wüssten, wie mit Wissen umzugehen sei, wo es anfangen und wo es enden solle und wie der einzelne kleine Student* damit umzugehen habe. Dies führt doch folglich zu nichts anderem als zu einer Entfremdung des Lernenden* von seiner Tätigkeit und den Inhalten. Ein Zuwachs an Autonomie, Gestaltungsmöglichkeit und Eigenverantwortung sind Voraussetzungen für eine sinnvolle Auseinandersetzung mit dem Studiumsinhalt!

Mit diesen Forderungen bewege ich mich nun aber schon in der strukturellen Kritik an der Universität. Man kann bereits an einem deutlich sichtbaren Punkt ansetzen: Die Seminare, die ich dieses Semester belege, sind alle mit bis zu maximal 40 Teilnehmer*plätzen ausgeschrieben; bei den ersten Terminen waren aber ausnahmslos 100 bis 150 Studierende anwesend, ohne, dass eine weniger besuchte Alternative möglich gewesen wäre. Das zuständige Seminar hat nun dankenswerterweise Blockseminare am Ende des Semesters als Ausweichmöglichkeiten angeboten, nach wie vor sind jene Seminare allerdings von 70- 90 Studierenden besucht (das sind doppelt so viele wie vorgesehen!). Raumänderungen als Konsequenz der Überfüllung waren nicht möglich, da nicht genügend Räume zur Verfügung stehen.
Daneben finden Vorlesungen in Hörsälen statt, in denen jeder Zwischenraum und jede Treppe neben und hinter den Stuhlreihen mit Studierenden gefüllt ist. Die Türen stehen teilweise offen, damit auch noch weitere Zuhörer, die auf dem Flur stehen, die Möglichkeit haben, doch zumindest jedes dritte Wort zu verstehen.
Nun frage ich mich, verehrte Bildungspolitiker*, wie soll es unter diesen Voraussetzungen möglich sein, die Leistungspunkte zu sammeln, die Sie mir vorschreiben? Und ich bitte Sie: Wenn sie mir schon meinen persönlichen Zugang zu Inhalten wegnehmen, und mich somit zu einem Folge leistenden, Regeln einhaltenden, konformen Menschen zu erziehen versuchen, dann stellen Sie bitte zumindest sicher, dass genug Raum und Personal zur Verfügung steht, um nach Ihren Vorgaben lernen zu können.

*die weibliche Form ist hier mit inbegriffen“  Charlotte B.

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